Bei Der Insasse von Sebastian Fitzek muss ich eigentlich gar nicht lange überlegen, was ich dazu sagen soll: Wieder so ein Hörbuch, bei dem ich irgendwann nur noch dasitze und denke, wie zur Hölle kommt man auf so etwas?
Im Mittelpunkt steht Till Berkhoff, dessen sechsjähriger Sohn Max seit Monaten verschwunden ist. Die Polizei vermutet, dass der verurteilte Kindermörder Guido Tramnitz etwas damit zu tun hat. Beweise gibt es allerdings keine und Tramnitz schweigt. Für Till bedeutet das vor allem eines: keine Gewissheit. Und genau deshalb lässt er sich auf einen Plan ein, der eigentlich völlig verrückt klingt. Er wird mit einer falschen Identität als Patient in die psychiatrische Hochsicherheitsklinik eingeschleust in der Tramnitz sitzt.
Allein diese Ausgangslage fand ich schon richtig stark. Dazu kommt, dass Fitzek für mich einfach einer dieser Autoren ist, bei denen ich weiß: Wenn ich glaube, ich hätte verstanden, was hier gespielt wird, sollte ich mich besser nicht zu früh freuen.
Inhalt & Stimmung
Till will nur wissen, was mit seinem Sohn passiert ist. Dieses Nichtwissen frisst ihn auf und irgendwann scheint selbst der Gedanke, sich freiwillig in eine psychiatrische Einrichtung einschleusen zu lassen, besser zu sein als weiterhin ohne Antworten zu leben.
Dort soll er Guido Tramnitz möglichst nahekommen und irgendwie herausfinden, was mit Max geschehen ist. Doch natürlich läuft nichts so geradlinig, wie Till es sich vielleicht vorgestellt hat. Je länger er sich in der Klinik befindet, desto schwieriger wird es, überhaupt noch einzuschätzen, wem er vertrauen kann und was wirklich passiert.
Genau diese Atmosphäre hat für mich unglaublich gut funktioniert. Eine psychiatrische Hochsicherheitsklinik ist ohnehin schon ein beklemmender Schauplatz. Wenn die Hauptfigur dann auch noch als vermeintlicher Patient dort eingeschlossen ist und niemand wissen darf, wer sie wirklich ist, entsteht automatisch dieses Gefühl, dass jederzeit alles kippen kann.
Und natürlich kippt es.
Mehrfach.
Das ist genau das, was ich an Fitzek so liebe. Er gibt mir gerade genug Informationen, damit ich mir meine eigene Theorie zusammenbauen kann. Ich bin dann kurz überzeugt, dass ich es jetzt verstanden habe und ein paar Minuten später kann ich diese Theorie komplett in die Tonne treten.
Bei Der Insasse wurde mein Kopf mit jedem Plot Twist ein bisschen mehr durchgefickt. Und ja, genauso muss das für mich bei einem richtig guten Psychothriller sein. Ich möchte nicht nach der Hälfte wissen, wie alles ausgeht. Ich möchte überrascht werden, zweifeln und irgendwann überhaupt nicht mehr wissen, welche meiner Vermutungen noch Sinn ergibt.
Charaktere & Stil
Till funktioniert für mich als Hauptfigur vor allem deshalb so gut, weil sein Handeln trotz der extremen Situation nachvollziehbar bleibt. Natürlich ist der Plan, sich selbst als Patient in eine psychiatrische Hochsicherheitsklinik einschleusen zu lassen, vollkommen irre. Aber gleichzeitig geht es um sein verschwundenes Kind.
Diese Verzweiflung trägt für mich einen großen Teil der Geschichte.
Till sucht nicht nach irgendeinem Täter oder versucht einen Fall zu lösen, mit dem er eigentlich nichts zu tun hat. Er will wissen, was mit seinem Sohn passiert ist. Und irgendwann ist ihm offenbar fast jedes Risiko lieber als weiterhin mit dieser Ungewissheit leben zu müssen.
Auch Guido Tramnitz funktioniert als Figur genau deshalb so gut, weil von Anfang an klar ist, wozu dieser Mann fähig sein soll. Zwei Kindermorde hat er bereits gestanden. Gleichzeitig sitzt Till ihm gegenüber und braucht ausgerechnet von diesem Menschen die Antwort auf die schlimmste Frage seines Lebens. Allein daraus entsteht eine Spannung, die ich ziemlich heftig fand.
Sebastian Fitzek schafft es auch hier wieder, mich ständig an der Nase herumzuführen. Genau das ist inzwischen wahrscheinlich eines der Dinge, die ich an seinen Geschichten am meisten mag. Er baut Situationen so auf, dass ich glaube, sie durchschaut zu haben und zieht mir kurz danach wieder komplett den Boden unter den Füßen weg.
Dabei ist die Geschichte von Anfang bis Ende spannend. Ich hatte nicht dieses Gefühl, dass irgendwo erst einmal hundert Seiten beziehungsweise Hörbuchminuten überbrückt werden müssen, bevor wieder etwas passiert. Stattdessen wird immer wieder eine neue Frage aufgeworfen oder etwas verändert, das ich gerade noch für sicher gehalten habe.
Und dann gibt es natürlich wieder Simon Jäger. Für mich gehören seine Stimme und Fitzeks Geschichten mittlerweile einfach zusammen. Er liest auch Der Insasse so, dass die Spannung und dieses permanente Unbehagen richtig gut rüberkommen. Gerade wenn die Handlung wieder völlig eskaliert, funktioniert seine Art zu sprechen für mich einfach perfekt.
Fazit
Der Insasse ist für mich wieder einmal ein grandioser Fitzek.
Spannend von Anfang bis Ende, beklemmend, stellenweise richtig unangenehm und vor allem voll mit diesen typischen Wendungen, bei denen ich jedes Mal denke: WTF?
Ich liebe es einfach, wenn mich ein Psychothriller glauben lässt, dass ich die Lösung längst kenne, nur um mir wenige Minuten später zu zeigen, dass ich eigentlich überhaupt nichts verstanden habe. Genau das schafft Fitzek hier wieder mehrfach.
Natürlich ist die Geschichte stellenweise ziemlich heftig, gerade weil verschwundene und ermordete Kinder eine zentrale Rolle spielen. Wer mit solchen Themen Schwierigkeiten hat, sollte das definitiv wissen. Wer allerdings Fitzeks Psychothriller und seine völlig verrückten Plot Twists liebt, bekommt hier für mich wieder genau das Richtige.
Mein Kopf wurde ordentlich durchgefickt und ich habe es geliebt.
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