Bei Das Geschenk von Sebastian Fitzek hat mich schon die Ausgangsidee sofort bekommen. Milan Berg steht an einer Ampel und sieht in einem Auto ein völlig verängstigtes Mädchen, das einen Zettel gegen die Scheibe hält. Eigentlich würde man in so einer Situation vermutlich sofort versuchen, die Nachricht zu lesen. Milan kann das aber nicht, denn er ist Analphabet. Und genau aus diesem Moment entwickelt sich eine Geschichte, die wieder einmal komplett aus dem Ruder läuft.
Ich finde diese Idee richtig stark, weil Milan dadurch sofort in einer Situation steckt, in der er weiß, dass etwas nicht stimmt, aber eben nicht weiß, was auf diesem Zettel stand. Allein daraus entsteht schon eine enorme Spannung. Und wenn dann Fitzek draufsteht, weiß ich inzwischen sowieso: Das wird garantiert noch sehr viel schlimmer, verwirrender und abgedrehter, als es am Anfang aussieht.
Inhalt & Stimmung
Milan hält sein Analphabetismus seit Jahren geheim. Nicht einmal seine Freundin weiß davon. Als er das Mädchen im Auto sieht, wird ihm genau dieses Geheimnis plötzlich zum Verhängnis. Er kann die Botschaft auf dem Zettel nicht lesen, ist sich aber sicher, dass das Mädchen Hilfe braucht. Also beginnt er, nach ihr zu suchen. Und damit landet er sehr schnell in einer Geschichte, in der kaum etwas so ist, wie es zunächst scheint.
Was ich an Das Geschenk richtig gut finde, ist diese permanente Unsicherheit. Milan weiß selbst nicht genau, worauf er sich da eingelassen hat und als Hörerin tappt man genauso hinterher. Man bekommt immer wieder neue Informationen, baut sich daraus irgendeine Theorie zusammen und kann die gefühlt fünf Minuten später direkt wieder über Bord werfen.
Genau das liebe ich bei Fitzek.
Ich mag dieses Gefühl, wenn ich kurz denke: Okay, jetzt habe ich verstanden, worum es eigentlich geht. Und dann kommt wieder irgendein Detail, das überhaupt nicht in meine Theorie passt. Die Geschichte schickt einen wirklich immer wieder in eine andere Richtung und sorgt dadurch dafür, dass ich ständig weiterhören will.
Dabei ist die Stimmung ziemlich düster und unangenehm. Schon der Gedanke, ein Kind in einer offensichtlichen Notsituation zu sehen und nicht einmal verstehen zu können, was es einem mitteilen will, ist beklemmend genug. Doch natürlich bleibt es nicht bei diesem einen Moment. Je tiefer Milan in die Sache hineingerät, desto größer wird das Gefühl, dass hier irgendetwas ganz gewaltig nicht stimmt.
Und wie bei Fitzek eigentlich nicht anders zu erwarten, wird es irgendwann komplett irre.
Charaktere & Stil
Milan fand ich als Hauptfigur vor allem deshalb interessant, weil sein Analphabetismus nicht einfach nur irgendeine Eigenschaft ist, die nebenbei erwähnt wird. Er beeinflusst sein ganzes Leben. Er hat gelernt, Situationen zu umgehen, improvisiert ständig und versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass jemand sein Geheimnis bemerkt.
Genau dadurch entsteht auch nochmal eine ganz andere Art von Spannung. Für Milan geht es nicht nur darum, herauszufinden, was mit dem Mädchen passiert ist. Gleichzeitig muss er immer wieder darauf achten, dass niemand merkt, dass er nicht lesen kann.
Ich fand das als Grundlage für einen Thriller ziemlich ungewöhnlich und gerade deshalb spannend.
Sebastian Fitzek schafft es auch hier wieder, aus einer eigentlich schon starken Ausgangsidee nach und nach etwas viel Größeres zu machen. Ich hatte mehrfach das Gefühl, endlich zu wissen, worauf die Geschichte hinausläuft und lag natürlich wieder daneben. Und genau dafür höre und lese ich seine Geschichten so gerne.
Er führt einen einfach gnadenlos an der Nase herum.
Es kommen immer wieder neue Wendungen, neue Informationen und diese typischen WTF-Momente, bei denen ich kurz überlegen muss, was da gerade eigentlich passiert ist. Ich möchte bei einem Psychothriller eben nicht schon nach der Hälfte wissen, wie alles zusammenhängt. Ich will überrascht werden. Ich will falsche Theorien haben. Und ich will am Ende denken, dass ich eigentlich überhaupt keine Ahnung hatte.
Genau das funktioniert bei Das Geschenk wieder hervorragend.
Und natürlich passt Simon Jäger auch hier wieder richtig gut. Seine Stimme gehört für mich inzwischen einfach zu Fitzek dazu. Er schafft es, Spannung und Unruhe so zu transportieren, dass die Geschichte beim Hören noch einmal eine andere Wirkung bekommt. Gerade in den Momenten, in denen die Handlung wieder eskaliert, funktioniert das für mich richtig gut.
Fazit
Das Geschenk ist für mich wieder ein richtig starker Fitzek.
Die Ausgangsidee mit Milan und seinem Analphabetismus fand ich außergewöhnlich und sofort spannend. Dazu kommt diese typische Fitzek-Mischung aus düsterer Atmosphäre, völlig verrückten Entwicklungen und Plot Twists, bei denen ich mal wieder dachte, ich hätte alles durchschaut – nur um kurz darauf festzustellen, dass ich überhaupt nichts durchschaut habe.
Genau das will ich bei seinen Psychothrillern.
Ich will an der Nase herumgeführt werden, immer wieder neu überlegen müssen und irgendwann einfach nur noch mit einem WTF im Kopf dasitzen. Und Das Geschenk hat mir genau das gegeben.
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